Fakultät für Betriebswirtschaft
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Nachruf auf Prof. Dr. Dres. h.c. Karl Oettle 1926–2009

OettleAm 4. November ist Professor Dr. Dres. h. c. Karl Oettle im Alter von 83 Jahren gestorben. Seit 1968 hat er der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München angehört, bis 1994 als Vorstand des Instituts für Verkehrswirtschaft und öffentliche Wirtschaft, seit 1994 als Emeritus. Die Fakultät für Betriebswirtschaft verliert damit einen ihrer großen Wissenschaftler. Die noch kurz vor seinem Tod erschienene Publikation dieses  herausragenden Wissenschaftlers und Menschen zur aktuellen Finanz- und Bankenkrise finden Sie hier (PDF 71 KB, aus Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen 18/2009 S. 21-24.).

Karl Oettle wurde am 11. März 1926 in Artern/Unstrut geboren, besuchte Schulen in Nordhausen (Harz) und Stuttgart. Als Kind seiner Zeit musste er Soldat werden und in den Krieg ziehen. Dabei geriet er in englische Kriegsgefangenschaft. Später machte eine kaufmännische Berufsausbildung und studierte Volkswirtschaftslehre in Tübingen. Nach praktischer Tätigkeit als Personalreferent und Vorstandsassistent im Maschinenbau ging er an die Universität zurück, wo er bei Prof. Dr. Rudolf Johns 1957 über den Methodenstreit in der Betriebswirtschaftslehre promovierte und 1962 über unternehmerische Finanzpolitik habilitierte. Im Jahre1966 an die Universität Mannheim berufen, wechselte er 1968 an die LMU nach München, wo er bis zu seiner Emeritierung ein aktives Mitglied der Fakultät und der wissenschaftlichen Gemeinschaft war. Doch mit der Emeritierung hörte seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht auf; bis unmittelbar vor seinem Tode arbeitete er weiter.

Karl Oettle war „ordentlicher öffentlicher Professor“ aus Berufung und mit ganzem Einsatz. Urlaub kannte er nicht. Er war immer für die Wissenschaft und für seine Studierenden da. In seinen speziellen Betriebswirtschaftslehren wie in der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre lehrte und prüfte er ungezählte Studierende.

Als Wissenschaftler ist sein umfassender Ansatz hervorzuheben. Nie hat er sich auf eine einzelwirtschaftliche Sicht beschränken lassen, auch die gesamt-wirtschaftliche Sicht war ihm zu wenig. Sein weitgespannter Blick berücksichtigte immer zugleich die Gesellschaft, die Ethik und den Menschen. In einem Artikel hat er es kurz gefasst: „Die Wirtschaft wird nicht um ihrer selbst willen betrieben.“

Obwohl (oder weil?) in manchen Dingen konservativ – im besten Sinne –, hat Karl Oettle weit in die Zukunft gedacht. Bei Verkehr, Energie und Umwelt, als Wirtschaft und als Politik, hat er schon vor über vierzig Jahren Prozesse erkannt, die uns heute täglich beschäftigen und bedrohen – und er hat sie auf den Punkt gebracht, auf klare Entscheidungsalternativen wie zum Beispiel Saturierungspolitik oder Bedarfslenkungspolitik.

Die öffentliche Wirtschaft, auch die freie Gemeinwirtschaft nicht-erwerbswirtschaftlicher Betriebe, sah er aus seinem sozialen Denken heraus als wichtig an; und weil sie in den Wirtschaftswissenschaften so vernachlässigt waren, hat er sich mit doppeltem Einsatz um diese Betriebe und ihre Leistungen gekümmert.

Für Professor Oettle war die Betriebswirtschaftslehre viel mehr als nur eine Lehre, wie man Geld verdient. Er setze an sich selbst hohe Maßstäbe, die er auch erfüllte – als Wissenschaftler, als Lehrer, als Chef, als Mensch. Die Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit, die sein Dienstgeber war, zeichnete ihn ebenso aus wie sein logisches, systemisches und strukturiertes Denken, das seine Studierenden und Mitarbeiter von ihm lernten. Oft zitierte er in seinen Vorlesungen den Satz: „Wissenschaft heißt differenzieren – zum Planieren gibt’s Planierraupen“.

Dieses Differenzieren erlaubte es ihm, die Eigenarten verschiedener Wirtschaftszweige, Betriebstypen und Güterarten herauszuarbeiten und so zu angemessenen theoretischen Ansätzen zu gelangen – gegenüber einer Betriebswirtschaftslehre, die, wie er mehrfach beklagte, undifferenziert ihre Funktionslehren auf die verschiedensten Betriebe anzuwenden sucht.

Seine Arbeit hatte drei Schwerpunkte: die Betriebswirtschaftslehre der öffentlichen und gemeinwirtschaftlichen Betriebe (Non-Profit-Organisationen), die Verkehrswirtschaft und verkehrspolitische Fragen sowie die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Grundfragen des Faches. Dabei behandelte er häufig Fragen des Gesundheitsmanagements und der Gesundheitspolitik, der Raumwirtschaft und nahm Stellung auch zu volkswirtschaftlichen Problemen. Immer wieder erinnerte er: „Die Wirtschaft wird nicht um ihrer selbst willen betrieben“.

Als Lehrer fand er stets großen Zuspruch bei den Studierenden. Bei seiner Verabschiedung in der großen Aula der LMU bekam er lange standing ovations. Als Prüfer übernahm er viel mehr an Arbeit als seine Pflicht gewesen wäre. Als Chef zeigte er immer großes Interesse und Respekt an anderen Auffassungen. Stets war ihm der Mensch wichtig. Sogar als Student in den wenigen Minuten der Sprechstunde hatte man immer das Gefühl: der hört mir wirklich zu, dem geht es jetzt um mich.

Er hat viele Leben geprägt und beeinflusst. Einer seiner früheren Doktoranden, Dr. Peter Ramsauer MdB, hat seinen akademischen Lehrer Karl Oettle am 11. November in seiner Antrittsrede als Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung im Deutschen Bundestag gewürdigt, als er nach einer Darstellung seiner politischen Ziele hinzufügte: „Mein Doktorvater, Professor Karl Oettle – er ist letzte Woche verstorben; Gott hab’ ihn selig –, hat immer schon mit aller Klarheit auf all diese Dinge hingewiesen.“

Seine Schüler haben ihrem verehrten akademischen Lehrer die Abschiedsworte gewidmet: „Professor Karl Oettle war und bleibt uns Vorbild durch seine Haltung, seine Integrität und sein Ethos, durch die Tiefe und Konsequenz seines Denkens, seine Schaffensfreude und seine präzise, ehrliche Sprache. Er war und bleibt uns Lehrer nicht nur seiner Fächer, sondern für das Leben.“

Die Fakultät für Betriebswirtschaft bedauert den Tod von Professor Oettle; sie wird ihm immer ein Gedenken bewahren.