Fakultät für Betriebswirtschaft
print

Links und Funktionen
Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Eberhard Witte (Nachruf)

Am Sonntag, den 11. Dezember 2016 ist Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Eberhard Witte im Alter von 88 Jahren nach langjähriger Krankheit verstorben. Prof. Witte lehrte an der Fakultät für Betriebswirtschaft von 1970 bis 1996 und gründete die spezielle Betriebswirtschaftslehre "Empirische betriebswirtschaftliche Forschung". Mit seinem Tod verliert die Fakultät einen hoch geschätzten Wissenschaftler und Menschen, der sich während seiner aktiven Zeit wie auch nach seiner Emeritierung immer sehr für die Belange der Fakultät eingesetzt hat.

Geboren am 3. Januar 1928 in Beelitz, einer mittelalterlichen Stadt südlich von Potsdam, hat er nach mehrjähriger Gefangenschaft in Sachsenhausen an der Freien Universität Berlin unter erschwerten Bedingungen Betriebswirtschaftslehre studiert und promoviert, bevor er an der Universität Hamburg habilitiert hat. Nach kurzer Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung und trotz durchaus lukrativer Angebote aus der Praxis zog es ihn in die Wissenschaft. Von verschiedenen Rufen, die ihn alsbald ereilten, akzeptierte er 1962 den an die Universität Mannheim, an der er das Institut für empirische Wirtschaftsforschung gegründet und bis 1970 geleitet hat. Nach weiteren Rufen an unterschiedliche Universitäten kam er 1970 an die Fakultät für Betriebswirtschaft der LMU München und gründete dort die spezielle Betriebswirtschaftslehre "Empirische betriebswirtschaftliche Forschung". Als Vorstand des Instituts für Organisation, Sprecher der Fachrichtung Betriebswirtschaftslehre und Mitglied des Senats der LMU blieb er an der LMU bis zu seiner Emeritierung 1996 und darüber hinaus. In dieser Zeit prägte er die Fakultät für Betriebswirtschaft in mehrfacher Weise. Als Wissenschaftler schärfte er das Bewusstsein für die Notwendigkeit der Integration von Empirie in die theoretische Forschung; als Lehrer gelang es ihm, mit seinem Wissen und seinen rhetorischen Fähigkeiten eine Vielzahl von Studierenden für das Fach Betriebswirtschaftslehre zu begeistern – dies wurde insbesondere dadurch deutlich, dass seine regelmäßigen Vorlesungen am Dienstagmorgen um 8:00 durchwegs sehr gut besucht waren. Als Mitglied der Fakultät setzte er sich intensiv für deren Belange ein und wirkte u.a. als einer der maßgeblichen Förderer auch bei der Gründung des Alumni-Netzwerkes der Fakultät mit. Als Mensch wandte er sich sowohl während seiner aktiven Zeit wie auch in seiner Zeit danach den Studierenden, Doktoranden und seinen jungen Kollegen zu und stellt für viele noch heute ein großes Vorbild dar.

Insbesondere seine wissenschaftlichen Arbeiten, deren thematische Vielfalt sein beeindruckendes Schriftenverzeichnis zeigt, wirkten weit über München hinaus. So ist es nicht verwunderlich, dass ihm in seiner Zeit an der LMU München nicht nur eine Vielzahl von Ehrendoktoren verliehen wurden – so von der Justus-Liebig-Universität in Gießen, der Wirtschaftsuniversität Wien oder auch der Technischen Universität München. Auf Grund seines profunden Fachwissens und seiner reichhaltigen Erfahrungen wirkte er in vielen Gremien mit und beeinflusste dadurch nicht nur die wissenschaftliche Landschaft. Wie kein anderer Wissenschaftler hat er in dieser Zeit insbesondere die Entwicklung von Telekommunikation und Medienlandschaft in Deutschland geprägt. Er erkannte frühzeitig die Chancen des technologischen Umbruchs in der Informationstechnik und der Telekommunikation und wusste, wie wichtig eine neutrale, fundierte Auseinandersetzung in einem durchaus auch technisch-kritischen Umfeld war. Diese Idee verfolgend gründete er 1974 gemeinsam mit Vertretern aus Wissenschaft, Politik und Unternehmen den MÜNCHNER KREIS, in dessen Vorstand er von Anfang an vertreten war und den er als Vorstandsvorsitzender bis 1997 leitete. Im Auftrag der Deutschen Bundesregierung hat er zudem eine Vielzahl von Kommissionen zur Liberalisierung des Fernmeldewesens und im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung die Projektkommission für das Kabelpilotprojekt München 1980 – 1987 zur Liberalisierung von Hörfunk und Fernsehen geleitet.

Sein fachliches Engagement und seine fachlichen Impulse prägten die Marktöffnung für Telekommunikation und Medien in Deutschland in einer Weise, die heute noch spürbar ist. Schon früh warf er dabei den Blick auf die Entwicklungen in anderen Industrienationen einerseits und verstand es andererseits in einer einmaligen Weise, technische Fragestellungen mit wirtschaftswissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Chancen und Herausforderungen zu verknüpfen und ganzheitlich, international und überdisziplinär zu behandeln. So lag es nahe, dass er für sein Lebenswerk einige hochrangige Auszeichnungen erhielt wie insbesondere 1984 den Bayerischen Verdienstorden und 1996 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Eberhard Witte blieb auch nach seiner Emeritierung lange Zeit an wissenschaftlichen Themen wie auch an den Ereignissen an der LMU und der Fakultät interessiert und arbeitete u.a. an seiner Biographie. In diesem letzten, sehr empfehlenswerten Buch "Mein Leben – Ein Zeitdokument" verknüpft er eindrucksvoll die verschiedenen Stationen seines Lebens mit der Entwicklung des Faches Betriebswirtschaftslehre, den Weichenstellungen im Bereich der Telekommunikation und Medienpolitik sowie interessanten historischen Rückblicken auf seine langjährige Heimatstadt Berlin und das heute kaum noch nachvollziehbare Leben in Gefangenschaft und Nachkriegszeit.

Die Fakultät trauert um eine große Persönlichkeit und wird Eberhard Witte immer ein Gedenken bewahren. Ein von der Fakultät für Betriebswirtschaft und dem MÜNCHNER KREIS gemeinsam veranstaltetes Symposium zu Ehren von Prof. Eberhard Witte ist für den 14.06.2017 an der LMU geplant.

 

Rahild Neuburger